Mittwoch, 27. März 2013

Judith Schalansky "Der Hals der Giraffe"

Ich liebe Bücher. Vor allem wenn sie auch noch so liebevolle Gewänder haben, wie die von Judith Schalansky. Dem neuen Roman hat sie ein graues, fast grobes Leinengewand verpasst. Es gibt keinen Schutzumschlag aber eine Prägung. Auf dem Buchdeckel ist eine Giraffe zu sehen. Und so heißt das Buch dann auch „Der Hals der Giraffe“ Die Hauptfigur des Romans Inge Lohmark ist ein spröder Charakter, spröder und grauer noch als der Einband. So scheint es zumindest am Beginn. Schalansky hat in einem Interview zu ihrer Figur gesagt, Lohmark sei ein Mensch, der sehr streng ist, im Verlaufe des Buches sei sie aber bespürbar und fühlt selbst. Ich habe das beim Lesen genau so empfunden. Die Biologielehrerin lebt in der ostdeutschen Provinz, genauer in der Nähe von Demmin. Die Naturwissenschaften prägen ihr gesamtes Denken und geben ihr mit ihren Systematiken und klaren Strukturen Halt. Halt in einer Welt, die mit der Wende aus den Fugen geraten ist. Sie sind der einzige Anker. Ihre Familie ist, wie die Gesellschaft um sie herum, auseinander gebrochen. Die Tochter lebt in Amerika, hat keinen Kontakt mehr zur Mutter. Der Ehemann züchtet Straußen. Das alles wirkt so grotesk und bitter-komisch, wie in der Wirklichkeit. Denn es gibt sie ja wirklich, diese Straußenfarmen. Exotische Tiere werden dort gehalten, wo die Menschen zu Tausenden weggegangen sind. Diese „Versteppung“ von Gesellschaft und Natur macht auf der anderen Seite manches möglich. Das beschreibt Schalansky unheimlich, humorvoll und dennoch tief traurig. Lohmark ist auf der einen Seite Anhängerin von Darwin und Lamark, andererseits hat sie sich in den letzten 20 Jahren zu einer Neoliberalen entwickelt. Wobei das natürlich nicht gegeneinander steht, sondern durchaus eine eigene, zusammengehörende Logik hat. In ihrem eigenen Wertesystem ist sie die Verliererin. Das fühlt sie wohl, will es sich aber nicht recht eingestehen und setzt ihre Schüler einem erbitterten Kampf der Naturgesetze aus. Nur der Starke kann überleben, nur der Erfolgreiche hat eine Chance. Meisterlich, wie Schalansky das mit ihrer Sprache vermitteln kann. Sätze, die ins Schwarze treffen. Jeder Schuss sitzt. Wie auch jeder Wurf beim Völkerball-Spiel treffen muss, sonst kann man selbst schnell abgeworfen werden. Es gibt drei Kapitel, die wiederum biologischen Themen verpflichtet sind: Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge und Entwicklungslehre. In diesen Kapiteln lässt Schalansky Lohmark gegen die „Verblödung“ der Umwelt ankämpfen. In ihrem Unterricht, mit Mitteln der Naturwissenschaft, versucht die Lehrerin den Schülern ihr Leben zu erklären. Dabei wirkt das alles wie ein Mantra der Hauptfigur selbst. Ausgesprochen, um in dieser Leere überhaupt noch überleben zu können. Sich selbst quasi den langen Hals einreden, der ermöglicht an die wohlschmeckenden und rettenden Blätter zu gelangen. Dieser Roman ist unbedingt lesenswert. Komisch, ironisch, einfühlsam und gleichzeitig brutal und traurig. Ich wünsche ihm viele Leserinnen und Leser.