Mittwoch, 27. März 2013

Sabine Rennefanz "Eisenkinder"

Immer mal wieder gibt es sie, Bücher, die eine Generation erklären wollen. Ihnen werden dann gern markige Namen angeheftet: Generation X, Zonenkinder, Generation Golf, neue deutsche Mädchen. Jetzt also Eisenkinder.

Die Berliner Journalistin Sabine Rennefanz wird durch die Morde der Zwickauer Terrorzelle für ihre eigene Geschichte sensibilisiert. Sie schreibt den Essay "Uwe Mundlos und ich". Dafür bekommt sie einen Preis. Sie nimmt ihren Mut zusammen und als gute Journalistin, die sie ist, weiss sie, hier muss man tiefer graben. Das tut sie und zwar in ihrer eigenen Vergangenheit. Sie schildert ihre Kindheit in Eisenhüttenstadt, die Jugend in der Wendezeit, die Flucht nach Hamburg und ihre Wandlung zur radikalen Christin.

Obwohl sie dabei sehr persönliche Erfahrungen schildert, verliert sie nie ihre Ausgangsfragen aus dem Blick: Woher kommt diese tiefe Verunsicherung und unterschwellige Wut der Eisenkinder, wie Rennefanz sie nennt? Wie war es in den 90 er Jahren in Ostdeutschland aufzuwachsen, was bedeutete es von Erwachsenen, Eltern und Lehrern alleingelassen worden zu sein? Wie viel DDR steckt in der Generation und wieso kamen die einen in der Bundesrepublik an und andere eben nicht?

Sabine Rennefanz besucht die Orte ihrer Kindheit, spricht mit ihren Lehrern, den Eltern, Freunden und Wegbegleitern. Sie zieht auch ihre Tagebücher zu Rate. Dabei reflektiert sie kritisch ihr eigenes Erwachsenwerden. Damit ist es ein sehr dichtes Buch geworden, sehr nah an der Autorin. Und ist es auch wieder nicht. Denn immer wieder gelingt es ihr, auf Distanz zu gehen. Das Große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren. Sie zieht Parallelen ihrer Radikalisierung zu der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Dabei bezieht sie sich auch auf wissenschaftliche Vorarbeiten der jüngeren Zeit.

Keine Ahnung, ob es diese Generationenphänome tatsächlich gibt. Sabine Rennefanz hat jedenfalls die Zeichen der Zeit so eingefangen, dass es viele Momente des Wiedererkennens gibt. (Es fällt mir wieder ein, wie ich in der Rostocker Einkaufsstrasse den "Der Spartakist" verteile und von Arbeiterräten träume...) Damit meine ich nicht diesen leicht nostalgischen Blick mit dem man sich daran erinnert, wie Schlagersüßtafel geschmeckt oder Action-Spray gerochen hat. Es geht hier um viel mehr. Plötzlich war die Kindheit vorbei, man wurde aus dem Nest gestoßen und es war keiner da, der einem das Fliegen beigebracht hat. Nicht weil die Erwachsenen es nicht wollten, sondern weil sie es selbst nicht konnten. Alles was einmal galt, wurde in Frage gestellt und gegenüber dem Neuen gab es eine gehörige Portion Misstrauen und auch Ablehnung. Gut, dass Sabine Rennefanz immer wieder versucht auseinander zu halten, was dabei universelles Erwachsenwerden ist und was spezifisch ostdeutsche Nachwendeerfahrung.

Ich bewundere Sabine Rennefanz für ihre Offenheit und ihre Schonungslosigkeit mit der sie sich selbst betrachtet. Immerhin steht sie noch nicht am Ende ihres Lebens, wenn man weise geworden, auf die alten Fehler blickt. Sie steht gerade erst mitten in ihrem Leben, wobei... das eine radikale Leben, das hat sie bereits hinter sich. 

Mein Fazit: Die Geschichte einer Jugend zwischen Lenin und Jesus ist sehr lesenswert.