Mittwoch, 1. Januar 2014

Erotische Mysterien mit "Der Geliebte des dritten Tages"

Anfang der 2000er Jahre gab es in der Raumerstraße mitten im Prenzlauer Berg eine kleine Buchhandlung. Die hieß "Lustwandel". Sofie Hack und Stefanie Kuhnen hatte es sich zur Aufgabe gemacht, erotische Literatur in allen Facetten an ein Publikum zu bringen. Ich habe diese Buchhandlung geliebt. Leider haben das offenbar nicht ebensoviele Leserinnen und Leser in der Nachbarschaft getan, denn 2007 gaben die beiden Frauen auf. Sehr schade. In meinem Bücherregal haben sie dennoch ihre Spuren hinterlassen. So manche anregende, literarische Stunde haben ich den beiden zu verdanken. Wer ein wenig mehr über das Credo der beiden wissen will und warum ich mich in dem Laden so gut aufgehoben gefühlt habe, kann das in einem Interview mit der "Zeit" nachlesen: Ganz unschlüpfrig

Empfohlen hatten sie mir auch Gert Heidenreich "Der Geliebte des dritten Tages". Das Buch schlummerte in meinem Regal. Nicht weil mich der Titel nicht ansprach. Ganz im Gegenteil. Es war das Foto auf dem Cover. Ich fand das irgendwie extrem unsexy. 70er Jahre unsexy. Das paarte sich dann noch mit "Elke Heidenreich" an die man bei Gert leider auch immer sofort denken muss, obwohl die beiden es nur eine relativ kurze Zeit miteinander ausgehalten haben. Erotik und Sex sind so ziemlich das Letzte was mir dabei in den Sinn kommt. So konnte ich mich lange nicht durchringen, das Buch zu lesen.  In diesem Winter fand es aber nun endlich seinen Weg in meinen Koffer.

Zum Glück! Gert Heidenreich hat 13 Geschichten geschrieben. Schöne Erzählungen sind das. Über Jonas Milchhaut, der an der Bigotterie in einer nicht weiter benannten Landeshauptstadt (mir fallen dazu mindestens zwei ein...) verzweifelt; über Martin, der sich unsterblich in die Frau im Weißdorn verliebt und über den Maler, der DAS Blau sucht und Anna und Julie findet.

Gert Heidenreich weiß natürlich, erotische Mysterien entstehen nicht nur durch explizite Beschreibungen. Er gibt seinen Lesern ausreichend Anregungen, um im Kopf erotische Spannungen aufkommen zu lassen. Es liegt natürlich im Auge des "Betrachters" was als erotisch empfunden wird: die schwüle Hitze Kairos oder Kartoffelpüree auf dem Körper. Nicht alle seine Erzählungen sind vordergründig auf das Erotische abgestellt. Teilweise setzen sie sich sehr kritisch mit Sexualität, Liebe und Trieb auseinander. Klingt anstrengend. Ist es aber gar nicht, sondern sehr amüsant.

Zu erwähnen ist noch, Heidenreich ist ein guter Autor. Es macht großen Spass seine Sätze zu lesen. der schöne Titel gibt einen Vorgeschmack auf seine Kunst. Mit knapp 200 Seiten ist der Erzählband schmal. Ideal für den Nachttisch oder für die Bahnfahrt!

Fazit: Amüsant und lesenswert.

Andere gute Bücher, die ich "Lustwandel" zu verdanken habe, sind:

Tobsha Learner : "Qiver" und "Madonna Mars"
Nicholson Baker  : "Vox" und "Die Fermate"
Lily Prior : "La Cucina Siciliana oder Rosas Erwachen"
Sophie Andresky : "Feucht".