Montag, 20. Mai 2013

Helmut Krausser "Schmerznovelle"

Helmut Krausser hat eine Kolumne in der Zeitschrift "bücher". Er wiederentdeckt dort Klassiker. Ich lese die sehr gern, weil sie klug und gewitzt ist. Außerdem läuft er nicht dem feuilletonistischen Geschmack hinterher. Gerade neulich hat er Gaiton Gasdanow, der wochenlag Kritikerliebling gewesen ist, in der Luft zerfetzt. Herrlich.

Tom Tykwer nannte das Büchlein "das beste Krimipornomelodram aller Zeiten". Soweit würde ich nicht gehen, aber ob man nicht lieber die "Schmerznovelle" anstatt "Shades of Grey" lesen sollte, diese Frage stelle ich schon in den Raum.

Ein Arzt macht an einem idyllischen Fleckchen in den Bergen Urlaub. Dabei trifft er auf Johanna Maria Palm. Ist es am Beginn medizinisches Interesse und der Ehrgeiz, einen offenbar aussichtslosen Fall zu lösen, verstrickt er sich sehr schnell in Johannas erotische Spiele. Aber sind das tatsächlich Spiele oder ist es doch bitterer Ernst, was ist Realität und was Erdachtes? Auf der Suche nach Johannas Geheimnissen deckt der Arzt auch seine eigenen auf.

Krausser hat die Form einer Novelle gewählt und läß schon in seinem Buchtitel die "Traumnovelle" anklingen. Natürlich aus gutem Grund. Es gibt viele Bezüge zu Schnitzler. Erfreulich ist, wie Krausser die Form der Novelle ausfüllt. Da gibt es den Konflikt, den Normenbruch. Und einmalig ist das Geschehnis auf jeden Fall.  Wie sich der Arzt in die Frau verliebt, ihr verfällt, stellt den Wendepunkt in seinem Leben und dem dieser gelungenen Novelle dar. Als hätte er das Lehrbuch zum Novellenschreiben neben sich liegen gehabt, wechselt Krausser zwischen ausführlich beschriebenen Teilen, vor allen den Höhe- und Wendepunkten der Geschichte und nur kurzen, protokollartigen Passagen. Eigentlich perfekt für den Deutschunterricht. Allerdings etwas zu viel SM und anderweitige sexuelle Spielarten.

Denn auch daran versucht sich Krausser. Erotik an der Grenze zur Pornografie. Dafür ist er sehr gescholten worden. Fast reflexartig sind die Kritiker über ihn hergefallen. Für mich teilweise verständlich. Ich kann mich an kein deutsches Buch erinnern, in dem ich bessere Schildungen von erotischen Spannungen und Sex gelesen habe. Inwieweit, die allerdings für die Geschichte tatsächlich immer nötig sind... Da fühlte ich mich doch an der ein oder anderen Stelle an den klassischen pornografischen Roman erinnert. Das mag auch daran liegen, dass Krausser, der viel für den Film geschrieben hat, in seinen Schilderungen zweifellos auf den Effekt abzielt. Seine Personen bleiben dabei manchmal auf der Strecke, ihnen fehlt die Tiefe und die Geschichte wirkt arg konstruiert.  Aber es ist an keiner Stelle langweilig und bei wieviel deutschen Büchern kann man das schon sagen.

Mit Sätzen wie "Ein schwerer September lastete auf dem Ort."oder "Ein kurzer Gedanke, ein Laut, ihr brechendes Genick, eigentlich ein entzückender Hals." zeigt er, was er kann. Krausser braucht nicht viele Worte, um den Leser zu fesseln.

In meinem Fazit lasse ich noch einmal Tykwer zu Wort kommen, der sehr treffend gesagt hat: "Ein Buch, nach dem man sich fühlt, wie nach einer langen Nacht des Fremdgehens: verschwitzt, schuldig, erregt... Ein böses, wundes, verzauberndes Buch."

Ach, und noch ein Lob an den Rowohlt-Verlag für den gelungenen Einband. Cordula Schmidt ist eine Gestaltung gelungen, die sich in Inhalt und Form ganz auf die Novelle einstellt und ihr in nichts nachsteht.