Sonntag, 21. April 2013

M. Agejew "Roman mit Kokain"



Da sitzt man in der Landesvorstandssitzung und folgt der Tagesordnung mit mehr oder weniger Engagement. Plötzlich wird einem vom Fraktionsvorsitzenden  ein kleiner Zettel zugesteckt. Darauf ein Name und ein Titel. Es wird noch schnell geflüstert, wie gut das Buch ist, und dass es unbedingt gelesen werden will. Weil es eher ungewöhnlich ist, in Sitzungen etwas jenseits von Politik zu hören, musste ich den „Roman mit Kokain“ sofort herunterladen und war schlagartig gefesselt von der Geschichte des Kokainisten Maslennikow.

Das ist für mich ungewöhnlich, denn eigentlich mag ich Drogengeschichten ganz und gar nicht, kann diesen kryptischen, verwirrenden, oft brutalen Traumzuständen nur wenig abgewinnen. Irgendwie ängstigen und bedrücken diese mich fast immer. Das wird auch beim Roman mit Kokain am Ende so sein. Zum Anfang allerdings geht es noch nicht um die Geschichte mit Kokain, sondern wie es zu dieser kommen konnte. Der erste Teil des Romans schildert das Leben des jungen Gymnasiasten Maslennikow. Wadim ist ein wunderschöner, bei den Mädchen aber auch seinen männlichen Schulkameraden äußerst beliebter junger Mann. Er ist ehrgeizig, will weg aus der Enge seines armen Elternhauses. Wobei ein Vater nicht auftaucht, lediglich die Mutter tritt in Erscheinung. Wadim scheint ihr Alles zu sein. Ihm ist sie allerdings nur peinlich und unangenehm in ihrer Armut und ihrer welken Einsamkeit.

Zwei Seiten einer Medaille. Er ist äußerlich schön, aber innerlich ein selbstsüchtiger verrottender Mensch. Gabe es irgendwann einen Augenblick, in dem er einfach nur gut war? Wenn, dann war er sicher davon so abgestoßen, dass im selben Moment schlimmstes Übel aus ihm herauskam. 

Dieses Prinzip durchzieht den gesamten Roman. Wadim selbst setzt sich mit diesem, seinem Seelenzustand auseinander. In Momenten von kalter Klarheit erkennt er, wie zerstörerisch er mit dem unschuldigen Mädchen oder der reifen Geliebten umgeht. Empfindet er in einem Moment noch Hochachtung vor dem Schulkameraden, tritt er im nächsten mit Füßen nach ihm. Er lebt dieses Prinzip bis zum bitteren Ende. Er der schöne, hoffnungsvolle, kluge Student wandelt sich unter dem Einfluss des Kokains in das genaue Gegenteil. Obwohl er erkennt, was da mit ihm passiert, ist er schon lange nicht mehr in der Lage das Blatt zu wenden. Die fremde Hilfe, die er sich erhofft, wird ihm verwehrt. Denn die Welt ist genauso und alle machen mit. 

Das alles ist fabelhaft geschrieben, die Worte perlen geradezu. In dem Roman finden sich Bilder von großer Schönheit. Wer sich an Worten und Sätzen berauschen kann, MUSS dieses Buch einfach lesen. 

Der "Roman mit Kokain" gehört zu den wieder- bzw. entdeckten Romanen aus dem russischsprachigen Raum, die in letzter Zeit in Westeuropa erschienen sind. Schön, wenn sich Verleger finden, die den Mut aufbringen, Romane und Erzählungen der ersten Hälfte des letzten Jahrhundert zu verlegen. Die Kritiker sind wie die Leser begeistert von diesen Schätzen. 

Wenn es so eine spannende Entstehungsgeschichte, wie hier gibt, funktioniert die Vermarktung natürlich um so besser. Im Anhang zum Roman findet sich eine detaillierte Reportage über den Autor, der ein jüdischer Moskauer war, der lange in Istanbul gelebt hat. Spannend.


Fazit: Für Liebhaber von süchtigmachenden Worten und Sätzen. Für Menschen, die gern noch mehr über das Drum Herum von Büchern und Autoren lesen. Von mir gibt es ****