Sonntag, 1. April 2012

Lionel Shriver "Dieses Leben das wir haben"

Eigentlich will Shep seiner Frau nur noch mitteilen, dass er morgen nach Pemba (eine tansanische Insel) aufbrechen wird, mit ihr oder ohne sie. Glynis kommt ihm zuvor, sie werden gemeinsam noch zu einer Reise ohne Wiederkehr aufbrechen. Glynis hat Krebs. Zu Beginn jeden Kapitels sehen wir nun mit an, wie Sheps "Fluchtgroschen" von Krankenhausrechnungen aufgezerrt wir. Das passt, denn Shep ist ganz und gar beseelt von materialistischen Grundwerten. Wir lesen über seine unerhörten Gedanken, ob das denn eigentlich lohnt, so viel Geld für den Weg in den Tod auszugeben. Aber auch, wie er es nicht übers Herz bringt, seinem alten Vater das private Seniorenheim zu verweigern. Wir denken auf den ersten 20 Seiten, hier ist eine Liebe am Alltag zu Grunde gegangen. Auf den restlichen Seiten sehen wir, wie sie wieder aufersteht, wozu Liebe fähig ist, wie verzweifelt sie sein kann, wie selbstverleumderisch. Lionel Shriver hat mit Shep Knacker eine starke Figur geschaffen. Er ist nicht wirklich sympatisch aber er hat eine Tiefe in seinen Gedanken und Handlungen, seinen Fehlern und seinen Übersprungsreaktionen. So wollen wir einfach, dass es gut ausgeht. Tut es aber nicht. Wobei, irgendwie schafft es Shep seinen Frieden zu finden und die Liebe zu zelebrieren. Das ist schön und friedlich. Leider gerät das Ende allzu rund, die umfassende Hollywood-Auflösung. Wirkt ein wenig wie die letzte halbe Stunde beim 3.Teil des "Herr der Ringe"-Films: passt schon alles irgendwie aber braucht kein Mensch... Nach Jonathan Frantzens "Freiheiten" gibt es wieder den Streit, ob Romane nicht nur inhaltlich sondern auch in ihrer Form zu neuen Ufern aufbrechen müssen. Natürlich ist es immer aufregend auch formale Experimente lesen zu dürfen (wunderbar Paul Auster "Unsichtbar"), die gelingen. Frantzen und auch Shriver erzählen aber so gekonnt, mit so viel Geist, dass ich ganz und gar zufrieden bin auch wenn die Geschichte einfach linear über eine Zeitspanne gezeichnet wird.